Neuer Artikel über unser Archiv ist heute im Coolibri-Online erschienen

Archiv für populäre Musik im Ruhrgebiet: Sammelleidenschaft

01.09.2014
Autor: Lukas Vering
Im „Evinger Schloss“ sammelt sich Musik | Foto: Lukas Vering

Im Herzen einer beschaulichen Zechensiedlung im Dortmunder Stadtteil Eving findet man ganz unverhofft zwischen urigen Häusern und Baumalleen das ehemalige Wohlfahrtsgebäude der Zeche Minister Stein, heute besser bekannt als Evinger Schloss. Die Straßen sind ruhig, bei Sonnenschein gar idyllisch, man gewinnt den Eindruck, hier sei nicht viel los. Trügerisch, denn im Innern des Schlosses bewegt sich einiges. In der ersten Etage haben Hans Schreiber und Richard Ortmann Räume angemietet, um dort ein ganz besonderes Projekt unterzubringen: Ein Archiv für populäre Musik, natürlich mit Ruhrgebietsschwerpunkt.

Schon seit 2006 gibt es das Archiv, das in Eigenarbeit gestartet wurde und auch heute noch durch eigene finanzielle Mittel gestützt wird. Die verschiedenen, teils sehr persönlichen Sammlungen, die sich bisher darin finden, sind aber schon ganze Lebensspannen alt. Hans Schreiber, Mitgründer des Archivs und selbsternannter Musikarchäologe, kann mit Leidenschaft über die ersten Sammelschritte berichten. In den 60ern trieb er sich als Roadie durch das Musikgeschehen, sammelte Erinnerungsstücke von allerlei Konzerten und verschickte Tonspuren zum Tausch in die USA (aber immer nur vier auf einmal, denn so blieb das Porto erträglich). Mit einem damals hochmodernen Aufnahmegerät, über dessen klobige Ausmaße Schreiber heute nur lächeln kann, fertigte er Konzertmitschnitte an. „Zu dieser Zeit gab es ja auch keine Securities, die das hätte interessieren können“, berichtet er. Außerdem wären die Musikszene besser vernetzt und die Clubs kleiner und intimer gewesen. Er erinnert sich rege an ein Hendrix-Konzert, bei dem man in der ersten Reihe die Arme auf der Bühne ablegen konnte und als dem heute als Großmusiker verehrten Jimmy Hendrix eine Gitarrensaite riss, bat er die Fans das Instrument zu halten und wechselte die Saite eigenhändig und vor Ort. Kein Vergleich mit heutigen Stadionkonzerten. Diese und viele andere Erinnerungen sind es wert, gesammelt und bewahrt zu werden, finden die Archivbetreiber. Und genau wie die damals selbstkreierten Bootlegs und Kassetten, wird auch das Archiv für populäre Musik in Eigendirektion geführt. Der einzige Unterschied: Früher wurde das Material meist im geheimen getauscht, da es ja eigentlich verboten war, das Archiv aber soll für jedermann zugänglich und einsehbar sein.

Mehr als eine Sammlung

Evinger Ambiente | Foto: Lukas Vering

Bis jetzt erstreckt sich das Archiv über sechs Räume im ersten Stock des Evinger Schlosses, sowie über einen größeren Archivraum, in dem auch Konzerte und Lesungen stattfinden – Gleich neben Regalen und stapelweise Material, das darauf wartet, sortiert und archiviert zu werden. Hier finden sich so einige Schätze, von unzähligen Magazinen und Zeitschriften über Tonträger und Videomaterial bis hin zu Konzerttickets und anderen Memorabilien. Besonderer Sammelfokus liegt übrigens auf Musikrichtungen mit Improvisationscharakter (zum Beispiel Jazz, Soul, Funk etc.) und allem, was mit dem Ruhrgebiet in besonderer Weise zusammenhängt. Archivar Hans Schreiber betont aber, dass ein Schwerpunkt andere Themenbereiche nicht ausschließen muss: Die ganze Bandbreite des musikalischen Gedächtnisses der Region und darüber hinaus sollen gesammelt werden. Angeleiert wurden schon Kooperationen mit dem Archiv des Independet Labels ESP aus New York und dem Arbeiterlieder-Archiv des Duisburgers Frank Baier, der seine Tonträger bereits ins Evinger Schloss gebracht hat und bald um seinen Printbestand ergänzen will.

Neben dem Sammlungsprojekt ist es für die Archivare vor allem wichtig, musikalisches und kulturelles Leben in das Schloss zu bringen. Eine Konzertbühne soll Musikern aus der Region zur Verfügung stehen und Raum für Neues und Experimentelles bieten. In Planung stehen auch Lesungen mit Bezug zur Musikthematik, zum Beispiel am 19.9 der Vortrag „Big Mama Thornton“ von Dr. M. Spörke, im Oktober „Kumpels in Kutten“ (Dr. C. Krumm) oder im November eine Lesung mit Philip Stratmann über Punks im Ruhrgebiet.

Visionen und Chancen

Die Gründer des Archivs haben noch weit aus größere Pläne, sie wollen mehr bieten, als einen lokalen Sammelzusammenschluss. Viel mehr träumt man davon, ein Archiv für populäre Musik zu erschaffen, das für Musikinteressierte aus ganz NRW, ganz Deutschland und auch über die Grenzen hinaus Relevanz hat. Schreiber formuliert etliche Visionen und Ideen, die umgesetzt werden wollen und nennt dabei auch viele Chancen, die die Stadt Dortmund und besonders der oft als kulturell spärlich ausgestattet betrachtete Norden der Stadt durch einen neuen Spielort im Evinger Schloss erhalten würden. Neben Konzert- und Lesebühne will das Archiv zudem Plattform für Seminare und Workshops werden und das kreative Schaffen fördern, in dem Schreibwerkstätte, sowie Möglichkeiten zur kostenlosen Demo- und Videoproduktion angeboten werden. Immerhin gibt es im Erdgeschoss des Evinger Schlosses schon zwei Tonstudios, Überbleibsel der Hörfunkakademie, die hier auch einst Mieter war. Diese stehen unter Denkmalschutz und warten quasi nur darauf, dass sich ihrer jemand annimmt. Die Dortmunder Band Lynx Lynx hat beispielsweise für ihr Video zu Feelin‘ Great Now She’s Gone den im Archiv befindlichen Bluescreen bereits genutzt.

Schreibers raumfüllendes Ideenarsenal erstreckt sich auch über soziale Programme, zum Beispiel könnten Jugendliche Einblicke in die Berufswelten von Ton- und Filmtechnikern oder in die Archivarbeit erlangen, während nach Beschäftigung suchende Senioren als Tutoren oder Archivhelfer mitmachen könnten. Insgesamt scheint für das Archiv zu gelten: Je mehr Raum, desto mehr Ideen, desto mehr Angebote, desto mehr Projekte und desto mehr Personen können involviert werden, mitmachen und vorbeikommen.

Ideen brauchen Räume

Sammelraum | Foto: Albrecht Schmidt

Schreiber selbst sagt, dass viele der Visionen erst dadurch entstanden, dass man die etlichen Freiräume im Evinger Schloss entdeckte. Zum Start im Jahr 2006, damals im Dortmunder MuK (Musik und Kulturzentrum), blieb man mit den Gedanken innerhalb der Archivwände, als dann der eher zufällige Umzug ins Evinger Schloss stattfand, kam der Stein ins Rollen. Heute träumt man von bunt belebten und bespielten Räumen, von Archivarbeitsplätzen und von einer öffentlich zugänglichen Bibliothek (bisher per Absprache besuchbar). Diese dürfte nicht nur Musikjournalistikstudenten aus Dortmund oder Pop-Akademisten aus Bochum interessieren, sondern auch Autoren, Blogger und jeden, der von populärer Musik und derer Geschichte und Werdegang begeistert ist. Immerhin ist Popmusik immer auch ein Spiegel von Kultur. Und das Evinger Schloss vielleicht schon bald ein Zentrum, für Pop, Kultur und Musik.

Was fehlt?

Was also fehlt, damit das Archiv zu diesem Zentrum werden kann? Einerseits natürlich und ganz klassisch das Geld. Bisher wird das gesamte Projekt aus eigener Tasche der Betreiber finanziert, für die das ganze eine Herzenssache ist, deren Pläne aber auch darüber hinausweisen, immerhin sollen hier Medien- und kulturelle Arbeit geleistet werden (übrigens auch eine Auflage der Stadt Dortmund für den Einzug ins Schloss), sowie soziales Engagement verwirklicht werden. Einige Einnahmen könnten immerhin durch zukünftig stattfindende Veranstaltungen akquiriert werden, zudem gibt es eine Förderung für die Unterstützung junger Bands durch Tonaufnahmen, die das Archiv ja ebenfalls anbieten will. Kommunale Unterstützung in finanzieller Hinsicht steht bisher nicht in Aussicht, dennoch schauen die Archivgründer mit positivem Blick auf die Instandhaltung und Erweiterung des Archivs.

Zweite Problemzone: Der Raum. Theoretisch wäre der Platz vorhanden: Das Evinger Schloss hat einige freistehende Räume und in naher Zukunft will auch die im Erdgeschoss angesiedelte Chorakademie ausziehen, die damit noch mehr Fläche für das Projekt Pop-Archiv freigeben würde. Bisher gab es aber noch keine festen Zusagen der Stadt Dortmund, derzeit könne auch keine konkrete Aussage dazu gemacht werden, hieß es auf unsere Nachfrage hin.

Für die Verwirklichung der unzähligen Ideen und Visionen braucht es aber mehr Raum, in dem sich das Archiv für populäre Musik entfalten und über den Status als bloßes Archiv hinauswachsen kann. Für die Dortmunder Kulturszene und dem manchmal doch recht kargen Norden wäre das ohne Frage eine wertvolle Bereicherung.

Aufruf

Für eine Ausstellung zum Thema „Rock und Pop im Ruhrgebiet“ im Jahr 2016 sucht das Archiv alle Arten von Materialien, wie Tonträger, Filmmaterial, Bilder, Zeitschriften, Zeitungen, Magazine, Programme, Tickets, Poster und alle anderen Erinnerungsstücke, sowie die Geschichten von Musikern, Produzenten, Veranstaltern, Promotern und allen anderen Aktiven der Szene. Jeder darf hier etwas beitragen, ob geliehen oder geschenkt und egal aus welcher Musikrichtung es kommen mag. Zum Vorbeibringen oder Abholen lassen.

Meldungen an:
0231 – 5322 4107 oder 0152 5425 3893
info@miz-ruhr.de / musicruhr@gmx.de

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