Burg Herzberg Festival 2016

Auch in diesem Jahr pilgerten wieder rund 12.000 Hippies, Aussteiger und kreative Lebenskünstler an den Fuß des Herzberges, um sich bei überwiegend gutem Wetter vier Tage lang von noch besserer Musik umspülen zu lassen. Unter dem Motto „Back to the Garden“ versammelten sich alle Altersklassen und alle Hunderassen.

Das Burg-Herzberg-Festival ist anders als andere Open Airs. Das liegt nicht nur an der Zusammenstellung des Programms, sondern auch an den Besuchern, die sich nicht nur stumpf beschallen lassen möchten, sondern auch gerne selbst zur Klampfe greifen, mit Batikstoff und Schere zaubern oder spontan Aschenbecher töpfern. Wohl nirgendwo gibt es zwischen den Campingplätzen (Freak City und Neue Heimat) und der Hauptbühne so viel Kreativität, so viele unterschiedliche Kulturen und so viel Spaß. Vom kulinarischen Angebot gar nicht zu reden, das von der simplen Bratwurst über exotische Trockenfrüchte bis zu diversen veganen Spezialitäten reicht.

Aber natürlich steht die Musik im Mittelpunkt. Schon am Donnerstag tanzen Tausende zu den progressiven Klängen von Pain Of Salvation oder lassen sich von den Senkrechtstartern Blues Pills in ein anderes Jahrzehnt entführen. Am Freitag locken die sächsischen Kräuterrocker von Wucanum Sängerin Francis Tobolsky vor die Freakstage, während auf der ganz großen Bühne der unvergleichliche Götz Widmann seine wohl durchdachten Weisheiten ins Volk klampft. Wer braucht noch ein Che Guevara-Feuerzeug? Das kann bei der Bluesrock-Legende Walter Trout gleich in Betrieb bleiben, während der Geigen-Virtouse Nigel Kennedy ein paar Klassiker von Jimi Hendrix in den Abendhimmel fiedelt. Der „Punk-Gentleman“ steht halt auf Crossover, die Besucher des Festivals ganz offensichtlich auch.

Am Samstag erfordert das Helsinki-Cotonou Ensemble ebenfalls eine offene Gesinnung, denn hier treffen finnische Musiker auf Künstler aus dem westafrikanischen Benin und mixen fröhlich afrikanische Folklore, Jazz und Funk. Kann zu früher Stunde schon mal ein bisschen anstrengend werden. Element Of Crime sind etwas leichter verdaulich, die nachdenklich-melancholischen Songs von Sven „Herr Lehmann“ Regener und seinen Mannen passen gut zur einsetzenden Dämmerung. Richtig dunkel ist es dann bei den Psychedelic-Rockern von Kadavar, zumindest am Himmel. Die Berliner haben nicht nur die schönsten Bärte des Festivals, sondern pumpen ihre Fans gleich mal um Rauchwaren an. Sauber Leistung! Mit den sphärischen Klängen von Patrice geht es ab ins Bett.

Am nächsten Morgen (okay, es könnte auch Mittag sein, das verschwimmt hier ein wenig) sorgen Espana Circo Este mit ihrer Mischung aus Ska, Zirkusmusik und Chaos für ein jähes Erwachen. Gegen pure Lebensfreude ist eben kein Kraut gewachsen. Gegen Bröselmaschine von Peter Bursch auch nicht, wahrscheinlich nennt man das Genre deshalb Krautrock. Klaus der Geiger versammelt hingegen so viele Menschen vor der Mental Stage, dass es langsam eng wird. Seth Lakeman lässt es auf der Hauptbühne dann ebenfalls folkig angehen, auch wenn seine Kompositionen hier und da ein bisschen mehr Bums vertragen könnten. Den Besuchern ist es egal, sie verwandeln die Wiese vor der Bühne in einen Tanzpalast. Funny van Dannen kommt anschließend ganz unprätentiös auf die Bretter geschlappt, eine Gitarre und ein paar Zettel unter dem Arm. Er könne sich seine Texte nicht merken, meint die Liedermacher-Legende lakonisch und hebt zu einigen seiner unsterblichen Hymnen an. Vom „Okapiposter“ über die sattsam bekannte „Herzscheiße“ bis hin zum großartigen „Lesbische Schwarze Behinderte“ (manch Stirn zieht sich ob des ironischen Textes kraus, aber das stört den Meister nicht im Geringsten) folgt hier Hit auf Hit.

Ob in einem schwarzen Loch Leben möglich ist, das können die BLACK SPACE RIDERS vermutlich nicht beantworten, aber dafür haucht Ihr psychodelischer Space Rock den Zuschauern vor der Bühne neues Leben ein. Manch‘ astrologisch versierter und womöglich leicht esoterisch veranlagter Hippie landet dadurch wieder auf dem Boden der Tatsachen und schwingt dank der BLACK SPACE RIDERS mutig das Tanzbein. Schwerkraft, Baby!

Vor, zwischen und nach diesen klanglichen Höhepunkten ist auch immer mal wieder Zeit, im Lesezelt vorbeizuschauen. Dr. Frank Schäfer doziert über das Jahr 1966, Jan Off über seine Jugend und andere Schweinereien und Die Partei versucht, ein paar Wähler zu gewinnen oder zumindest Freibier abzugreifen. Selbst Märchen und Kinderlieder werden im gemütlichen Wigwam zum Besten gegeben, der beste Ort, um sich mal ein bisschen um sich selbst zu kümmern, anstatt um das ganze Universum.

Was bleibt da also noch, als eine gemeinsame Homage in den hessischen Abendhimmel zu schmettern und vom nächsten Sommer zu träumen :
“Hey there, Burg Herzberg festival, play next year for me
I’m not sleepy and there ain’t no place I’m going to
Hey, bands at Burg Herzberg festival, play your songs for me
To the jingle jangle stage I’ll come following you…!”

Autoren:
Norma Schreiber und Marc Halupczok

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