Interview Frank Schäfer

Du hast auf dem diesjährigen Burg-Herzberg-Festival aus deinem Buch „1966: Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte“ gelesen. Was genau macht speziell das Jahr 1966 zum Startschuss einer weltweiten Bewusstseinsveränderung?

Naja, „genau“ geht das wohl nicht. Es ist nicht das eine große Ereignis, das den Zeitenwandel einläutet, sondern viele kleine. Die Massierung macht es. Popmusikalisch etwa lässt sich die Konsolidierung der San-Francisco-Szene beobachten, lokale Acts wie Grateful Dead und Jefferson Airplane werden auf einmal im größeren Maßstab wahrgenommen. Die Hippies zeigen mit dem Trips Festivals, wie viele sie geworden sind, das kleine, feine Undergroundding beginnt populär zu werden und sich zu einer Massenbewegung auszuwachsen. Acid wird Partydroge, so dass die USA den Stoff verbieten lassen gegen Ende des Jahres. LSD schlägt sich aber auch schon nieder in allen Bereichen der Kunst, in der Literatur, Malerei, Design und natürlich vor allem in der Musik. Es entsteht eine spezifische Säurekultur. Der internationale Widerstand gegen Vietnam formiert sich. Überhaupt hat man den Eindruck, dass sich die Jugend- und Gegenkultur globalisiert. Sogar in Deutschland gibt es eine erste Vietnam-Demo mit dem Marsch auf das Amerikahaus und den berühmten Eierwürfen. Und noch etwas ist pophistorisch wichtig, Pop wird zu Rock und damit zu einer eigenen Kunstform. Die Zweiminutendreißig-Radiokleinigkeit reicht nicht mehr, man experimentiert, die Songs werden länger, das Album wird ein Gesamtkunstwerk. Ich hatte bei der Recherche mitunter den Eindruck, dass vieles von dem, was 68ff. durchgesetzt ist, bereits 66 formuliert wurde. Aber im Grunde ist das auch nachträgliche Sinnstiftung: Eine historische Entwicklung tritt ja nur ein, wenn es Ursachen dafür gibt, die diese Entwicklung eintreten lassen. Und wenn man sucht, findet man die auch.

Glaubst du, die Protagonisten dieser Zeit haben sich samt und sonders als Teilnehmer einer einheitlichen Bewegung empfunden? Oder wird da durch spätere Generationen auch viel hineingedeutet?

Wohl nicht so total, wie du es andeutest, ich glaube aber schon, dass die Jugendkultur homogener war als heute. Diese Opposition „Wir gegen die“, die Alten nämlich, die Kriegsgeneration, die Schuldigen, darauf konnte man sich einigen. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn die Veteranen davon sprechen, was ein bisschen längeres Haar bei den Eltern ausgelöst hat. Und das ist keine Verklärung. Wenn man sich anschaut, mit welchem Hass und teilweise auch Brutalität die Konsensgesellschaft gegen die harmlose und statistisch absolut unbedeutende Gammlerbewegung vorgegangen ist, man fasst sich nur an den Kopf. Die mussten ihr eigenes moralisches Versagen, 1933 folgende, mit diesem Ordnungs- und Anständigkeitspopanz kompensieren, anders ist das nicht zu erklären. So viel Druck von außen, also von der Elterngeneration, das bewirkt immer eine Solidarisierung nach innen. Dieses Gefühl, Teil einer Jugendbewegung zu sein, das war nie wieder so einfach zu haben wie damals.

Hat damals die Kultur die Politik beeinflusst oder war es eher andersherum?

Wechselseitige Abhängigkeit, wie immer. Das gesellschaftliche Klima wird als beengend, repressiv empfunden, man schafft sich Refugien, Räume, in denen Freiheit möglich ist, Drogen spielen eine Rolle, die kulturellen Elaborate spiegeln das, und die Politik sieht den Untergang des Abendlandes nahen und reagiert darauf zunächst mal mit schärferen Gesetzen. Aber unter der Oberfläche wirkt das natürlich weiter, die erlebte Freiheit ist nun mal ziemlich attraktiv, und die so Sozialisierten kommen schließlich auch irgendwann in die politischen Schaltzentralen. Jahrzehnte später wird dann Marihuana legalisiert. Und mittlerweile darf man an LSD zumindest wieder forschen. So ein Muster lässt sich vielfach beobachten. Rock war in jedem Fall der große Katalysator, das Leitmedium, mit dem sich die Gegenkultur verständigt hat. Auch das beginnt 1966.

Viele politische Vorstellungen der damaligen Aktivisten haben sich nicht erfüllt, vom Weltfrieden sind wir 2016 mindestens genauso weit entfernt wie damals. War es also doch mehr Wunschdenken und Pop als eine echte Veränderung der Welt und vor allem der Menschen?

Die Hippies haben ja von Anfang an gesagt, man muss zunächst das Bewusstsein verändern, und mit dem richtigen Bewusstsein verändert sich dann auch die Welt. Und was die Veränderung des Bewusstseins angeht, da waren sie gar nicht so erfolglos, finde ich. Alles in allem lässt sich ja schon eine enorme Liberalisierung in fast allen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Ich glaube, 1964/5 würde keiner von uns gern gelebt haben. Mit deinem Onslaught-Shirt wärst du vermutlich ins Gefängnis gekommen. Und was diese Friedens-Utopie angeht, die wurde zumindest von den nicht völlig verpeilten Köpfen nur als ein Ideal verstanden. Eine perfekte Rauchblase. Das muss das Ziel sein. Dahin sollte es gehen. Dass es mit den vielen Höhlenbewohnern hier unten schwierig sein würde, das war wohl allen klar.

Das Burg-Herzberg-Festival existiert seit 1968, du hast jetzt dort schon mehrfach gelesen. Wie viel des ursprünglichen Geistes, glaubst du, ist dort heute noch spürbar?

Es ist auch eine Nostalgieveranstaltung, ganz klar. Da erinnern sich viele an ihre besten Jahre, die nie so gut waren wie in der Erinnerung. Und doch, mir gefällt die Stimmung da. Als mein Freund Jo mal betrunken und durchgeregnet unser Zelt nicht mehr gefunden hat, hat ihn Gabi aus Nörten-Hardenberg in ihren Tipi genommen, ihn gewärmt und gefüttert und anschließend noch richtig duchgetröstet. Ich meine, das ist der richtige Geist.

Du arbeitest an einem Buch über das Burg-Herzberg-Festival. Auf welchen Aspekten liegt dein Fokus?

Schon auf Gabi aus Nörten-Hardenberg und all den anderen spirituellen Lordsiegelbewahrern.