Interview mit den Black Space Riders

Die Reise der Black Space Riders ist eine Reise, die aus den Weiten des Universums, den dunklen Sphären des Weltalls von Album zu Album spezifischer wird und sich schließlich jetzt im Refugeeum eine konkret verortete Realität gesucht hat. Die Titel der Alben beschreiben diese Reise durch den Raum aus dem All hinab zur Erde. Folgt die Musik dieser thematischen Reise und wird diese so auch immer fokussierter…?

JE: Wenn man diese Entwicklung jetzt fortspinnt, dann würde man ja behaupten, dass die Black Space Riders zukünftig im Mikrokosmos implodieren?

 ….Ja, vielleicht? Wie ein weißer Zwerg, genau.

JE: Ich würde das wirklich genau entgegengesetzt beschreiben wollen. Die Musik wird von Album zu Album immer breiter. Wir öffnen uns immer mehr anderen Einflüssen, wir lassen in unserer Musik immer mehr zu.
Unser erstes Album ist ja stilistisch viel enger gefasst, als das was wir jetzt machen. Die Fokussierung des Ortes den unsere Alben beschreiben, der hat nichts zu tun mit der Fokussierung unserer Musik.
Wir machen bei jedem Album genau das, was konzeptionell Sinn ergibt. Im Nachhinein lässt sich ein inhaltliches Voranschreiten ablesen – aber das war nicht von Vornherein der Masterplan.

Und die Thematik wird zunehmend auf eine Idee gelenkt…?

JE: Bereits auf unserem zweiten Album geht es ja auch schon um Flucht und Vertreibung, und jetzt auf Refugeeum wird dieses Thema weiter behandelt. Songs wie „Exodus Part One“, „Exodus Part Two“ oder weitere Beispiele vom Album D:rei drehen sich um Flucht und Vertreibung. Alles aber noch im sehr abstrakten Sinne, im Sinne einer Space-Oper oder Science-Fiction-Geschichte. Diese Thematik wird inhaltlich auf Refugeeum weitergesponnen und ganz klar verortet.

I’ve got a Silver Machine
It flies
Sideways through time
It’s an electric line
To your Zodiac sign

It flies out of a dream
It’s antiseptically clean
You’re gonna know where I’ve been

I’ve got a Silver Machine

(Hawkwind –Silver Machine)

Okay, da gibt es also diese Fokussierung auf diesen bestimmten Ort von den Albentiteln her – aber nicht von musikalischer Seite aus. Der inhaltliche Fokus greift Themen wie Flucht und Vertreibung auf. Zum Anfang gab es diese Thematik vielleicht eher nach dem Motto „Okay, wir treiben jetzt mal so ein bisschen durchs Weltall“ und jetzt…

JE: Am Anfang war das Konzept ja auch anders. Wir hatten ganz simpel ausgedrückt, eine Affinität zur Science-Fiction-Thematik. Das passte zu der Musik, die wir gemacht haben. Das hat sich ja dann weiterentwickelt.

Eine Entwicklung der Science-Fiction Thematik, eine zunehmende Offenheit. Eine fortschreitende Weiterentwicklung der Musik ins Spezifische. Und dann…?

SEB: Ja, diese Entwicklung an sich, die habe ich eigentlich bis vor eine Weile noch gar nicht so richtig gespürt. Aber: Da ist dieses Kribbeln. Entweder es geht also auf etwas zu und fokussiert sich oder es explodiert offen heraus. Da passiert etwas, wir wissen es aber selber noch nicht was.

Dort wanderst du allein mit deinem
Schmerz
und schmückst die Erde ungestraft mit
Lust,
aus deines Geistes grünen Körben
ein unerschöpflicher Verschwender.

(Christian Morgenstern – Refugium)

Flucht und Vertreibung, diese Thematik kam – wie ihr selbst gesagt habt – schon auf eurem zweiten Album zum Tragen. Jetzt auf Refugeeum ist es mehr denn je Thema. Ist das ein Bild, das ihr gerne wählt, eines das euch liegt. Über die Musik haben wir gesprochen – wie geht ihr textlich mit den Themen um?

JE: Refugeeum ein Wortspiel. Aus Refugees und Refugium. Die Situation der Flüchtlinge ist sehr trostlos, wenn man sich versucht tiefer in die Personen hineinzuversetzen. Die Zuflucht, die die Flüchtlinge finden, ist scheinheilig, sie ist trügerisch.
Zunehmend sind also die Texte auch immer wichtiger geworden. Jetzt auf Refugeeum sind diese extrem wichtig.

They have taken all,
Nothing left to live on.
Seize the final chance
Better off to die.

As we march towards the distant horizon
Soon approaching the end of our world
In the distance feel faith and hope rising
Reaching out for the curtains of light

(Curtains of Death)

C.RIP: Wenn ich mir Songs wie „Curtains of Death“ anschaue, dann ist dass was passiert viel größer und sehr viel offener. Wir sind nach jedem Album wieder ein Stück verändert und neu erfunden. Wenn wir aus dem Studio kommen, haben wir andere Ohren, wir erleben wieder eine neue Art des „Zusammens“. Ich hab nach unserem Album D:rei schon gedacht, dass das nicht mehr zu toppen ist. Es wurde dann aber mit Refugeeum doch noch mal getoppt. Nach Refugeeum habe ich erneut gedacht, dass das nicht mehr topbar ist, und nun haben wir schon wieder so viel großartiges Material für ein neues Album.

SEB: Es ist eine Entwicklung, es zeichnet sich eine Progression ab.

Hin zur Perfektion… oder zu „was auch immer kommt“?

SEB: Einfach weiter.

JE: Perfektion finde ich total langweilig. (Alle lachen)

Es gibt ein tolles Zitat von Salvador Dali „Don’t fear perfection – you’ll never reach it.“

SEB, JE (lachen): Genau.

JE: Platten, die versuchen perfekt zu sein, die finde ich total langweilig.

Außerdem: Perfektion, für was oder für wen? Man kann sich als Musiker eine Zielgruppe rauspicken für die man Songs schreiben will, oder man sagt: „Ich schreibe jetzt nur das, was ich geil find.“
Man kann sowieso nicht für alle perfekt sein. 

JE: Bei mir ist es so, dass mich Musik emotional erreichen muss und so eine Musik schreibe ich und solche Songs höre ich. Ich denke beim Hören also nicht: „Boah, ist dass alles toll gemacht, und hier kommt jetzt der super Refrain…!“  Wenn mich Musik emotional nicht erreicht, dadurch das zum Beispiel mein Tanzbein zuckt oder ich irgendwie Sehnsucht fühle oder Aggressionen empfinde, dann ist das für mich belanglos.

Was ist denn wichtiger, was muss euch als Erstes packen bei eurer eigenen Musik? Gibt es eine Art Priorisierung? Gibt es ein „Das ist uns total wichtig“ und darauf folgen die anderen Sachen?

JE: Ich will das so beantworten: Es ist total wichtig, dass nachher alles zusammenpasst. Wir wollen ein Kopfkino anmachen. Bei den Hörern unserer Musik soll ein Film ablaufen. Sicherlich hat jeder seine Interpretation, aber wir wollen zu Bildern anregen. Und deswegen ist es so wichtig, dass alles zusammenpasst. Es entsteht aber immer zuerst die Musik. Und über die Musik, die wir dann hören, überlegen wir uns ein Thema. Bei den Texten ist dann ganz wichtig, wie die Lautmalerei funktioniert. Und danach ist es ebenso extrem wichtig, das passende Artwork zu kreieren.

Wiederfinden
Sie entwickelte dem Trüben
Ein erklingend Farbenspiel,
Und nun konnte wieder lieben,
Was erst auseinanderfiel.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Das trifft genau mein Empfinden. Fast geht das in Richtung Synästhesie, wenn ihr sagt, ihr wollt alles miteinander kombinieren. Wenn ihr das alles beim Zuschauer und beim Hörer erzeugen wollt, dann hat das für mich genau diesen synästhetischen Touch.

JE: Ja, so ist es auch von uns gewollt. Das sieht man in Reviews, dass die Leute das auch auf- und wahrnehmen, dass es eine Gesamtgeschichte ist. Wenn wir ein großes Budget zur Verfügung hätten, würden wir auch Kurzfilme zu unseren Songs drehen.

C.RIP: Es ist uns wichtig, dass das Album im Ganzen rund ist. Da gibt es keine Mitläufer, da steht jeder Song für sich und ist aber gleichzeitig auch ein Beitrag für das Album. Wir haben keine Nummern auf den Alben, die nicht auch drauf passen. Es war wichtig bei Refugeeum die vier Songs für die EP herauszulösen. Mit diesen Songs auf dem Album wäre dieses sonst nicht rund.

Welcome to the new world
Welcome to your home

(Freedom At First Sight)

„Freedom At First Sight“ ist auf der CD, die immer dem Metal Hammer beiliegt. Wieso habt ihr das gemacht, wo doch eure Alben eigentlich als Gesamtwerk wirken sollen? Wie kann man sich also nur einen Song rauspicken? Wie ist es dazu gekommen?

JE: Wir machen so was ja nicht nur für den Metal Hammer, sondern auch für das Rock Hard oder für das Eclipsed Magazin. So erreicht man Hörer, die man sonst vielleicht nicht erreicht. Und man hat dort nur die Chance einen Song zu platzieren. Das ist wie ein Probierhappen.

Vielleicht wirkt der Song dann nicht richtig…?

JE: Ja, der Gesamtzusammenhang ist weg. Den muss sich der Hörer dann nachher erarbeiten. Aber die Alternative wäre: Du verzichtest darauf. Dann erreichst du aber weniger Leute. Wenn du die Wahl hast – dann machst du es.

„Je est un Autre.“
(Ich ist ein Anderer)
(Arthur Rimbaud)

In euren Songs ist die Stimme nie wirklich die Stimme einer Person, die konkret etwas zu sagen hat, sondern sie ist vielmehr wie eine innere Stimme. In den Songs findet eher ein innerer Dialog statt. Soweit mein Gefühl. Ihr spielt einerseits mit der Stimme – z.B. im Song „Starglue Sniffer“ – andererseits habt ihr mit „Willkommen“ ein Instrumental-Stück. Was entspricht euch und eurer Musik mehr?

JE: Sowohl als auch. Aber ganz allgemein vom Songwriting ist die Stimme ein Instrument.
Dazu muss man wissen: Wir haben ja kein klassisches Songwriting, so dass einer mit einem Akkord kommt und ein anderer macht dann eine Gesangsmelodie drüber und dann wird das Ganze arrangiert. Bei uns entstehen die Stücke inzwischen durchs Zusammenspielen. Die Klänge kommen von den Gitarren oder mittlerweile auch von der Elektronik sowie natürlich dem Gesang. Am Anfang, wenn wir anfangen zu singen, haben wir gar keine Texte oder nur Arbeitstexte.

SEB: Zu Anfang beginnen wir, die Klänge zu schaffen. Die Klangatmosphären. Ob ich jetzt „Ah“ oder „Uh“ singe, das ist rein textlich ja erst mal egal – allein der Klang ist wichtig. „Was passt da rein, was für ein Gefühl habe ich gerade? Wie klingt mein Gefühl?“ Und dann im Nachhinein: „Was schreibe ich dazu?“

JE: Das ist ein gutes Beispiel von SEB. Also, wenn du dich entschieden hast, ob es ein „Ah“ oder „Uh“ sein muss, von der Atmosphäre her, und ob es ein weit verhalltes, hohes „Ah“ oder ein dumpfes gegröltes „Uh“ sein wird, was zum Klang und zur Atmosphäre passt, das ist total wichtig für den Text den wir nachher schreiben. Wir schreiben nicht einen Text wie ein Kurzgedicht und bringen da irgendwie Melodie rein.  Wir brechen die Melodie und die Klänge herunter auf das Nötigste, und dann denken wir uns: „So, und jetzt die richtigen Wörter“, die dann zusammen mit dem Klang das Bild erzeugen, was wir fühlen und vermitteln wollen. Und am Ende kommt erst der Text, der dann Sinn macht.

SEB: Das ist es.

Das ist ja einfach. (Alle lachen)

JE: Ne, das ist nicht wirklich einfach, aber zum Glück fließt es ganz gut bei uns.

Ihr habt schon so viel gesagt. Wie die Musik für die Hörer funktioniert…

JE: Ja, aber weißt du, was das Spannende ist? Die Musik funktioniert für die Hörer total unterschiedlich. Es gibt schon einen gemeinsamen Nenner, die Hörer erkennen schon, dass da eine Aussage ist, ein Konzept. Dass es atmosphärisch und mysteriös klingt, aber es kommt dennoch ganz auf die Hörgewohnheit an.

Denkt ihr denn, es gibt bei euch eher einen minimalistischen Ansatz, bei dem man sagen könnte, okay, wir brauchen eigentlich gar nicht so viele Töne oder Klänge, sondern wir heben die, die wir haben, auf unterschiedliche Ebenen. Oder sagt ihr eher, um viel zu sagen, muss man auch viel passieren lassen?

SEB: Eher das Erste.

Es ist vielleicht ein bisschen wie in der Kunst… als die Tafelbilder den Weg als Skulpturen in den Raum machten. Man gibt als den Tönen bspw. durch den Sequencer oder Delays weitere Dimensionen…

Go! Run! Leave the Hole!
My Life is shattered!
Go! Run! Eat my Soul!
My Life is shattered!
I see you fall!
(Run to The Plains)

C.RIP, JE: Das ist aber nicht die Prämisse.
JE: „Run To The Plains“ ist ein gutes Beispiel, der ist 11 Minuten lang. Wenn man jetzt den Schluss – der ist musikalisch ein bisschen anders – wegnimmt, ist da eigentlich die ganze Zeit nur ein Riff. Und dazu bauen wir Gesänge auf, das Schlagzeug verändert sich, hier und da kommt mal eine Gitarre dazu, dann wiederum ein Delay – aber das ist es. Bei uns passiert vieles in der Musik durch Weglassen, Hinzufügen, leiser oder lauter werden.

Streaming-Dienste wie Spotify oder Deezer, Musik teilen auf Bandcamp. Wie steht ihr dazu? Unterstützt ihr das? 

JE: Du kannst das machen oder du kannst es lassen. Unsere Musik ist nicht fürs Streaming gemacht, die Musik ist jetzt auch nicht fürs Teilen auf Bandcamp gemacht, das ist einfach nur eine Plattform, um Leute zu erreichen. Die Musik gehört auf Alben. Also entweder auf eine CD oder eine Doppel-LP.

C.RIP: Oder demnächst eine Dreifach-LP… (lachen)

SEB: Die, die sich übers Streaming ein paar Songs von uns anhören, finden es ganz gut. Wenn du am Merchandise-Stand stehst und die Leute beobachtest, die die CD kaufen nach dem Konzert, dann siehst du: Die sind glücklich. Aber die Leute, die das Vinyl kaufen, die sind selig. (alle lachen)
Wenn wir jemanden durch Streaming dazu bringen, dass er den nächsten Schritt wagt, und sich dann die CD oder das Vinyl holt, dann ist das gut. Und wenn er es nicht tut, dann hat er was verpasst.

Was habt ihr selber für Musik-Sammlungen?

JE: Ich habe eine Große.

Vinyl, CD?

JE: Ich bin ja schon nicht mehr ganz jung. Ich habe also als Vinyl-Käufer angefangen. Mein erstes Vinyl habe ich 1978 gekauft. Ich habe so ungefähr 1000 bis 1500 Vinyls und 10.000 CDs. Ich habe auch eine große digitale Sammlung. Wir tauschen außerdem untereinander neue Sachen aus. So nach dem Motto: „Schon gehört?“, „Ne, schick mal rüber“.

SEB: CD – klar. Erste CD: Iron Maiden – Number of the Beast. Ich habe auch viele Songs nur digital, weil ich im Auto viel Musik höre. Aber richtig Spaß macht es nur zu Hause.

C.RIP: Meine Musik-Sammlung ist sehr überschaubar. Letztlich bin ich kein guter Band-Fan. Kate Bush, Iron Maiden, da ist viel Unterschiedliches dabei. Jetzt höre ich vor allem viel von uns oder generell Musik, bei dir ich involviert bin.

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